"Heute kann ich sagen, dass ich der Endometriose oft auch dankbar bin" - Interview mit Psychologin Nina Reiter von Mitgefühlt Coaching
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"Heute kann ich sagen, dass ich der Endometriose oft auch dankbar bin" - Interview mit Psychologin Nina Reiter von Mitgefühlt Coaching

Nina Reiter ist Endometriose-Betroffene und hilft anderen Menstruierenden mit der gleichen Diagnose, ihre Beschwerden und die Erkrankung anzunehmen - psychisch und physisch. Wie sie das schafft und wie es ihr selbst dabei geht, erzählt sie femitale.


Du arbeitest als Psychologin, systemische Coachin, Yogalehrerin und Expertin für Entspannungsmethoden, bist täglich also viel mit physischen und psychischen Themen konfrontiert. Wie hilft dir dein Job bei deiner persönlichen Wahrnehmung?

Was für eine spannende Frage! Ich würde sagen, dass mein eigener Beruf oft wie ein Vergrößerungsglas wirkt. Durch mein Wissen, und weil ich mich tagtäglich mit diesen Themen beruflich beschäftige, achte ich auch bei mir selbst verstärkt darauf.

Zusätzlich möchte ich natürlich all das, was ich meinen Klientinnen beibringe, auch selbst anwenden, und mich stetig weiter entwickeln. Dennoch bin ich natürlich ein ganz normaler Mensch, der manchmal einfach überhaupt keine Lust hat auf all die Methoden, und einfach nur im Leid und Schmerz etwas baden will. Und auch das ist vollkommen ok! 

Wenn ich eines mit Sicherheit sagen kann, dann das mein Beruf mich selbstmitfühlender macht, denn ich erlebe mit so vielen Frauen ihre schwierigsten Situationen, und da wird mir immer wieder klar, dass wir nicht allein sind, und wir meistens sehr ähnliche Gefühle und Themen haben.

2013 wurde bei dir Endometriose diagnostiziert. Wie ist es dir damit bis heute ergangen? Was war für dich am schwierigsten an der Diagnose? 

Fast 10 Jahre lebe ich jetzt schon mit der Diagnose, und in dieser Zeit hat sich für mich vieles verändert. Die schwierigste Zeit waren für mich die ersten beiden Jahre nach der Diagnose. Ich wusste wenig über die Erkrankung, war ja noch ziemlich jung und unerfahren, konnte meine eigenen Gefühle nicht besonders gut regulieren. Dazu kam ein ganz typischer Lebensstil für eine Anfang Zwanzigjährige: Viel feiern, viel arbeiten, wenig Erholungsphasen. All das war Gift für mich und die Endo.

Mir wurde auch schon bei den ersten beiden OPs Eierstock und Eileiter entfernt, ich wusste also schon damals, dass die Endometriose einen großen Einfluss auf meinen Kinderwunsch haben wird. Ich habe dann begonnen, mein Leben Schritt für Schritt zu verändern, habe meine Ernährung umgestellt, begonnen, mehrmals die Woche Yoga zu machen und zu meditieren und ich habe mir selbst psychologische Unterstützung geholt.

Und ein kleiner Schritt nach dem anderen haben sich meine Symptome verbessert. Als ich dann selbst als Psychologin begonnen habe zu arbeiten, wollte ich natürlich wissen, welche Methoden es gibt, um anderen Menschen, denen es so geht wie mir, zu helfen. Und es gibt zum Glück wirklich jede Menge!

Heute kann ich sagen, dass ich der Endometriose oft auch dankbar bin, denn sie hat mich dazu “gezwungen”, mich schon früh mit meinen eigenen Emotionen, meinen Schatten und Themen auseinander zu setzen. Sie hat mir geholfen, mich besser um mich selbst zu kümmern und sie hat mich auf meinen beruflichen Weg gebracht. 

Mit welchen Vorurteilen und Stigmata möchtest du bezüglich Endometriose aufräumen?

Mir ist es ein großes Anliegen offen anzusprechen, dass es auch andere Wege zur Behandlung von Endometriose gibt, als nur die Pille zu nehmen. Mir schreiben und begegnen so viele Frauen*, die starke Nebenwirkungen von der Pille haben, wenig bis keine Symptomlinderung, sie unbedingt absetzen möchten und sich dennoch nicht trauen.

Das liegt daran, dass wenige Alternativen bekannt sind und auch daran, dass Ärzt:innen die Frauen* stark unter Druck setzen. Die Pille kann einer Frau* mit Endometriose extreme Symptomlinderung bringen und manchmal auch das Wachstum verhindern und das ist großartig. Doch nicht bei jeder von uns ist das der Fall, und wenn du dich gegen die Pille entscheidest, ist das dein gutes Recht und du bist dann “nicht selbst Schuld daran, wenn du Schmerzen hast oder die Endo weiter wächst”.

Die Pille kann nicht garantieren, dass die Endometriose aufhört zu wachsen und manchmal bringt sie auch keine Verbesserung der Schmerzen. Glücklicherweise gibt es aber auch ganzheitlichere Wege, um mit den Symptomen umzugehen, und die verdienen, finde ich, deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Wie sieht dein üblicher Tagesablauf aus, hast du eine Routine? Falls ja, magst du uns mitnehmen?

2020 kam meine kleine Tochter dank einer IVF-Behandlung zur Welt und seitdem bestimmt sie meinen Tagesablauf. Enorm wichtig ist für mich, mit mir selbst mitfühlend und möglichst liebevoll umzugehen, und dafür versuche ich mich in jedem Moment wieder zu entscheiden. 

Ich beginne den Tag normalerweise mit einigen sanften Yogaübungen, gefolgt von Musik, zu der ich meinen Körper aufwecke. Ich singe auch gerne am Morgen, weil es mir Freude bringt und auch weil es einen total beruhigenden Effekt auf das Nervensystem hat. Ich esse seit meiner Diagnose so gut wie jeden morgen warmen Haferbrei, was ich wirklich jeder Frau empfehlen kann. 

Ich versuche, in meinem durchaus herausfordernden Alltag immer wieder Bewegungs- und Atemübungen einzubauen. Manchmal gelingt es mir nur auf der Toilette, ein paar mal tief durchzuatmen, und an anderen Tagen kann ich mir mehr Zeit dafür nehmen.

Wenn ich merke, dass ich sehr gestresst bin, dann kann es gut sein, dass ich die Musik laut aufdrehe und erstmal meinen ganzen Körper durchschüttle.  Abends nehme ich mir gerne etwas Zeit, um über meinen Tag zu reflektieren und mir drei Dinge ins Gedächtnis zu rufen, für die ich dankbar bin. Mach dir aber auf jeden Fall klar, dass auch ich jede Menge Tage habe, an denen ich nichts von all diesen Dingen tue und einfach nur den Kopf in den Sand stecken möchte und mich von Netflix berieseln lasse. Und auch das ist vollkommen ok!

Wir leben ja in einer Zeit der Selbstoptimierung, im Kopf haben wir häufig viele Tabs offen. Was ist deine Empfehlung, um auch mal abschalten zu können? 

Wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen unserer Zeit! Ganz simpel lösche ich öfter mal Instagram für ein, zwei oder mehr Tage vom Handy, um mich mehr auf das Hier und Jetzt konzentrieren zu können. Achtsamkeit kann sehr hilfreich sein, bewusst an etwas Leckerem (wie einer Orange, Basilikum oder Schokolade) zu riechen und den Geruch zu geniessen. Das kalte/warme Wasser der morgendlichen/abendlichen Dusche bewusst wahrzunehmen. Generell finde ich, erlauben wir uns viel zu selten, wirklich etwas zu genießen oder Dinge einfach nur zum Spaß zu machen.

Also überleg dir gerne, nachdem du mit diesen Text fertig gelesen hast: “Was bringt mir Freude und Spaß?”. Und im nächsten Schritt: “Was für kleine Veränderungen kann ich machen, um mehr davon in meinen Alltag einzubauen?” Mir bringt es übrigens Spaß regelmäßig mit meiner Partner Tabu (kennt ihr das noch?) zu spielen und laut singend durch die Wohnung zu hüpfen.

Zum Schluss: Gibst du uns bitte dein liebstes Mantra oder deinen liebsten Glaubenssatz mit auf den Weg?

Seit langer Zeit verwende ich schon “Ich bin hier, ich bin jetzt.” Und immer dann, wenn unangenehme Gefühle wie Angst oder Panik hochkommen, dann sage ich mir gerne “Das ist nur ein Gefühl (Traurigkeit, Wut, Einsamkeit), selbst wenn es sich so anfühlt, als würde ich diesen Schmerz nicht aushalten können, das Gefühl wird vorbei gehen. Du schaffst das!”

Wenn dich Ninas Arbeit interessiert, findest du mehr Informationen auf ihrer Website. Vielleicht findest du auch unseren Artikel zu Achtsamkeit, Stress und Zyklus spannend. 


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Wichtig! Dieser Artikel darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung herangezogen werden, da er sehr allgemein gehalten ist. Wenn du Beschwerden hast, dich krank fühlst (physisch oder psychisch) oder noch mehr zu diesem Thema wissen möchtest, hole bitte ärztlichen Rat ein.